Im Gespräch: Helene Hammelrath, Vorsitzende der Stiftung Behindertensport

Helene Hammelrath, Vorsitzende der Stiftung Behindertensport, gibt in einem Interview einen kurzen Rückblick auf das 10-jährige Jubiläum der UN-Behindertenrechtskonvention. Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) wurde in Deutschland am 24.  Februar 2009 ratifiziert.  Darin wurden die bislang existierenden Menschenrechtsabkommen aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung konkretisiert. Die UN-BRK stellt die Pflichten der Staaten heraus, die bestehenden Menschenrechte für alle Menschen vollumfänglich zu gewährleisten. Außerdem blickt Hammelrath in die Zukunft und das Sportjahr 2020.

Helene Hammelrath (r.), hier mit Reinhard Schneider (l.) © Müller / BRSNW

2019 „feiert“ die UN- Behindertenrechtskonvention ihr 10-jähriges Jubiläum. Wie inklusiv ist Deutschland aus Ihrer Sicht?

Laut der UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion ein Menschenrecht. Deutschland war einer der ersten Staaten, der die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat. Menschen mit Behinderungen werden seitdem nicht mehr als Objekte der Fürsorge betrachtet, sondern als eigenständige Menschen mit eigenständigen Rechten. Durch das Bundesteilhabegesetz sind viele behindertenpolitische Vorhaben auf den Weg gebracht worden, um Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu ermöglichen.

Welche Chancen ermöglicht Inklusion?

Es gilt, das gesellschaftliche Zusammenleben für alle Menschen ohne Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu gestalten. Inklusion in diesem Sinne beinhaltet den Gedanken, dass Vielfalt bereichert.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir noch?

Die Umsetzung von Inklusion in Deutschland gestaltet sich schwierig. Es sind weiterhin große finanzielle Anstrengungen notwendig, um eine flächendeckende Barrierefreiheit herzustellen, die nicht nur Menschen mit Behinderung zugutekommt. Zudem gilt es immer noch, Barrieren in den Köpfen der Menschen abzubauen. Ich bin aber optimistisch, dass sich das Bewusstsein positiv entwickelt.

Was kann der Sport Ihrer Meinung nach durch Inklusion leisten?

Lebensfreude, Gesundheit und Fitness für Menschen mit Handicap. Besonders im Sport wird offensichtlich, welche Leistungen Menschen mit Behinderung vollbringen können. Dies kann Zeichen setzen, sowohl als Mutmacher für Menschen mit Behinderung als auch zu Respekt bei Menschen ohne Behinderung führen. Sport kann als Inklusionsmotor fungieren. Hier besteht die Möglichkeit Barrieren in den Köpfen der Menschen niederschwellig abzubauen und damit Inklusion voran zu bringen.

Wie trägt Ihre Stiftungsarbeit zur Inklusion bei? Welche aktuellen Projekte unterstützt die Stiftung Behindertensport?

Wir bemühen uns bei der Förderung der Stiftung Inklusionsprojekte besonders zu berücksichtigen, jedoch können und wollen wir die Förderung von Menschen mit Behinderung nicht vernachlässigen. Auch hier ist der Bedarf nach wie vor hoch. Folgende beispielhafte Projekte wurden von uns gefördert: Förderung des BSNW-Projektes „Inspiration“ anlässlich der Paralympics in London, Sportrollstühle für einen Verein im Jahr 2018, Fahrdienstkosten zum Training im Jahr 2018, Reitsport im Jahr 2018, ein Schwimmkur für schwerbehinderte Menschen im Jahr 2018, eine Multisportanlage für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung im Jahr 2019

2020 steht ein vielfältiges Sportjahr für Menschen mit und ohne Behinderung bevor! Was macht für Sie die Faszination Behindertensport aus?

Die Para Leichtathletik-EM in Berlin im letzten Jahr war für mich ein Schlüsselerlebnis. Im kommenden Jahr werden die Paralympics in Tokio das Highlight sein. Die erbrachten Leistungen der Behindertensportler sind sehr beindruckend und für viele Menschen kaum zu glauben. Die Lebensläufe der Para Leistungssportler geben vielen Menschen Kraft und Lebensmut und sind ausgezeichnete Vorbilder. Denken Sie nur an die Para Leichtathletik-Weltmeisterschaften in diesem Jahr in Dubai und die herausragenden Leistungen unserer Sportler*innen.

Wie wichtig ist Öffentliches Interesse im Behindertensport und wie lässt sich dieses steigern?

Das Öffentliche Interesse am Behindertensport ist sehr wichtig. Grundlage für eine Berichterstattung in den Medien ist die notwendige Medienarbeit mit einer entsprechenden finanziellen Unterstützung und die Sensibilität der Medien für dieses Thema. Der Behindertensport ist in den Medien (Rundfunk und TV) mittlerweile fester Bestandteil der Berichterstattung. Das ist ein großer Fortschritt.

Wenn wir in die Zukunft blicken: Was wünschen Sie sich zum 20-jährigen Jubiläum der UN-BRK?

Mehr Angebote für Menschen mit Behinderung in Schulen, Kitas und Sportvereinen, zu reflektieren und zu überlegen, wo der Weg noch hinführt. Öffentliche Förderung, wenn barrierefreie gebaut wird. Stärkere Berücksichtigung, dass Sport insgesamt zu einer enorm verbesserten gesundheitlichen Situation beiträgt.