Kolumne "Geistreich": Adventskalender

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

© BRSNW

Zu früh meinen Sie?
Stimmt, Sie haben Recht, es ist ja erst Oktober! Aber bereits seit vier Wochen liegen in den Super- und Discountermärkten die Christstollen, Dominosteine, Spekulatius und anderes Naschwerk für die Adventszeit in den Regalen. Gekauft habe ich davon noch nichts, nur registriert, dass es schon im Angebot ist. Derzeit komme ich auch gar nicht zum Einkaufen, denn ich bin in Quarantäne. Habe mir beim Segeln mit Freunden Corona eingefangen und so sitze ich nun zuhause und habe noch mehr Zeit als Rentner ohnehin haben (wenn sie wollen). Und wenn ich viel Zeit habe, dann sehe ich gerne auch mal die Werbeprospekte durch, die dem Wochenblättchen beiliegen, das samstags immer im Briefkasten ist. Sie haben aus der Einleitung schon die richtigen Schlüsse gezogen: Darin wurden die ersten Adventskalender beworben, in der Woche vom 4.-8. Oktober.

Grundsätzlich finde ich Adventskalender ja eine schöne Erfindung. Zurück geht diese angeblich auf die Idee eines Herrn Johann Heinrich Wichern im Jahr 1838. Der war der Leiter des konfessionellen Knabenrettungshauses „Rauhes Haus“ bei Hamburg. Angeblich hatte der genug von der Frage, wann denn endlich Weihnachten sei. Ohne Hintergründe zu kennen vermute ich, dass die Knaben die Ankunft des Erlösers nicht erwarten konnten. Denn wenn man vom Namen der Einrichtung auf den Umgang miteinander schließen kann…

Jedenfalls nahm besagter Wichern ein altes Wagenrad und einen Holzkranz und steckte 20 kleine rote und vier große weiße Kerzen darauf. Beim täglichen Singen frommer Lieder wurde ein rotes Kerzlein angezündet und sonntags zusätzlich ein dickes Weißes. Fertig war der Adventskalender! Bestimmt hätte den zu rettenden Knaben ein mit Schokolade oder anderen Leckereien gefüllter Kalender besser gefallen. Da gibt es ja inzwischen die verrücktesten Sachen.

Mit Warten auf’s Christkind haben die wenigsten noch zu tun. So finden sich auf der oben verlinkten Seite Kalender für Hunde und Katzen, gefüllt mit den entsprechenden Leckerchen. Am 24. gibt’s dann ein besonders dickes. Oder einen speziell für Frauen designten „wunderschönen und nachhaltigen Adventskalender mit veganen Snacks sowie plastikfreien Pflege- und Lifestyleprodukten“. „Oder entdecken Sie Koch-Gadgets, leckere Naschereien, Gewürze, Tee, Shampoo und viele weitere vegane, nachhaltige und plastikfreie Highlights.“ Ehrlich, steht so auf der Seite, gucken Sie mal rein.

Gut, vegane Snacks sind nicht so mein Ding. Dann eher die Variante eines benachbarten Getränkemarktes, der jedes Jahr 24 verschiedene Biersorten in einen Kasten gepackt und als Adventskalender für Männer anpreist. Als ob Frauen kein Bier mögen!
Aber zurück zu den Prospekten. In der Werbung des Penny-Marktes wurden gleich zwei Adventskalender feilgeboten. Der „Erotische Adventskalender DELUXE“ für 66 Euro - ein Schelm wer bei dem Preis Kalkül unterstellt – verspricht 24 Glücksmomente. Also einer für nur 2,75€!
Wenn drin ist, was ich vermute, dann ist der aber nicht für Rentner*innen geeignet. Denn jede körperliche Belastung benötigt auch Erholung und die dauert bei uns Alten einfach länger. Da würde Weihnachten wahrscheinlich wegen psycho-physischer Überlastung ausfallen.

Der andere Kalender ist für Heimwerker*innen. „Erlebt 24-mal Hammer-Freude“ ist er überschrieben. Der enthält jede Menge Werkzeug, das man wahrscheinlich schon doppelt und dreifach hat und kostet schlappe 34,99€. Wenn das kein Schnapper ist! Ein Flaschenöffner ist offenbar auch dabei, macht damit aber den Kauf des Bierkastenkalenders zusätzlich sinnvoll.
Für aktive Paare würde ich die Kombination der beiden Kalender mit einem dritten Fotokalender empfehlen. Da kommen 24 Aufnahmen von „Baustellen“ in Haus und Garten rein. Jeden Tag wird ein Türchen aufgemacht und die anstehende Arbeit mit dem Werkzeug aus dem „Hammerkalender“ erledigt. Hat der/die Handwerker*in das zur Zufriedenheit aller Beteiligten erledigt und sich nicht auf den Daumen gehauen, kommt der „Glücksmomentekalender“ als Belohnung ins Spiel – oder auch der Bierkasten oder beides. Je nach Alter, Leistungsfähigkeit und Durst.

Herzlich grüßt

Andreas Geist