Kolumne "Geistreich": Bescheidene Helden

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Eine olympische oder paralympische Medaille oder ein Platz auf dem Treppchen bei einer Welt- oder Europameisterschaft, das ist bestimmt eine fantastische Erfahrung. Der Jubel, die Anerkennung und Ehre sind der Lohn für jahrelanges hartes Training, überwinden des inneren Schweinehundes und körperliche und psychische Belastungen an der Grenze des Erträglichen.

Sportler*innen, denen das gelingt, können sich mit Recht feiern lassen und im Alter mit einem zufriedenen Lächeln zurücklehnen und ihre Pokal- und Medaillensammlung mit Genugtuung betrachten. Den Menschen, die nicht das sportliche Talent haben ganz oben mitzumischen, bleibt diese Erfahrung verwehrt. Da glänzt kein Edelmetall als Ausdruck der öffentlichen Anerkennung ihrer Leistungen. Ausnahme sind vielleicht Wissenschaftler, Politiker oder Schriftsteller. Diese können für den Nobelpreis nominiert werden. Wenn ich es mir so überlege, siedele ich diese Auszeichnung in der Wertigkeit sogar über dem Edelmetall im Sport an. Allerdings würde sich das schlagartig ändern, wenn US Präsident Trump tatsächlich den Friedensnobelpeis...

Nein, im Vergabekomitee sitzen kluge und kritische Menschen, die auch zum vierten Mal den Vorschlag ablehnen werden. Das bleibt uns erspart, da bin ich sicher.
Tatsächlich ist das Zustandekommen einer Auszeichnung oder Ehrung nicht immer ganz nachvollziehbar. Weshalb bekommen Schauspieler einen Oskar für eine gut gespielte Rolle aber Fußballer wie der Brasilianer Neymar für die tollsten und dramatischsten Schwalben nur eine gelbe Karte und Pfiffe? Die schauspielerische Leistung war - nicht nur bei ihm - beeindruckend.

Aber Spaß beiseite. Was mir in der Welt von Ruhm und Ehre ein bisschen fehlt, ist die Anerkennung für diejenigen Mitmenschen, die auch ganz Außergewöhnliches geleistet haben, oft über Jahre und Jahrzehnte. Das jedoch nicht so im Blick der Öffentlichkeit, sondern bescheiden in der Gemeinde, in der Freiwilligenarbeit, im Verein. Vielleicht interessiert sich die Öffentlichkeit auch deshalb nicht dafür, weil mit den Tätigkeiten keine Millionen zu scheffeln sind und keine dicken Prämien und Preisgelder winken.

Deshalb begeistere ich mich für die "Alternativen Nobelpreise", die eigentlich  "Right Livelihood Award" (etwa: Preis für die richtige Lebensweise) heißen und jedes Jahr Anfang Dezember - kurz vor den Nobelpreisen - im schwedischen Parlament verliehen werden. Seit 1980 werden Menschen und Initiativen hinter sozialen Bewegungen ausgezeichnet, die praktische Lösungen und/oder Modelle für ein menschenwürdiges Leben entwickelt haben. Etwa in den Bereichen Umwelt, Abrüstung, Kultur, Bildung, Energie und Ressourcenschonung, u.a.m..

Ins Leben gerufen wurde der Preis durch Jakob vom Uexküll, der etwas gegen die Umweltzerstörung und Unterdrückung indigener Völker unternehmen wollte.

Weniger global, und von den großen Vergabekomitees gänzlich unbeachtet, finden jedoch auch bei uns tagtäglich beachtenswerte Dinge statt. Für mich sind diese auf lokaler Ebene und landesweit deutlich wichtiger als eine weitere Erkenntnis der Quantenphysik, die Einstein bestätigt oder widerlegt oder ein neues Element nachweist, das Nanosekunden später schon zerfallen ist.

Mag sein, dass so etwas irgendwann einmal wichtig für die Lebensqualität der Menschen auf unserem Planeten wird. Aber viel Zeit bleibt nicht, denn den haben wir fast zugrunde gerichtet und ich glaube nicht, dass derartige Erkenntnisse geeignet sind, eine Umwelt zu erhalten, in der wir uns wohl fühlen, gesund bleiben und mit Freude leben .

Meine "Helden" sind daher nicht diejenigen, die mit millionenschwerer Forschung Großkonzerne (z.B. im Bereich E-Mobilität, Pharmazie und Medizin, ...?) noch größer machen oder die helfen deren Gewinne zu maximieren. Die kommen ohnehin nur einigen wenigen zugute, die es sich leisten können. Für das Gros der 7,5 Milliarden Menschen auf unserer Erde hat das keine unmittelbare Bedeutung. Die kämpfen um ein Mindestmaß an Lebensqualität und Sicherheit.

Meine Helden hier vor Ort sind diejenigen, die in Vereinen, Initiativen und Projekten tagtäglich für Menschen (ob mit oder ohne  Behinderung) aktiv sind, die für Gerechtigkeit und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, für Mobilität und Inklusion, eintreten und dafür ihre Zeit opfern. Das nötigt mir Respekt ab.

Natürlich nicht nur mir! Daher hat unser Verband gemeinsam mit der Landesregierung, Förderern und Partnern den Landeswettbewerb "Der Behindertensportverein des Jahres" ins Leben gerufen und unsere Vereine gebeten, das, was sie über das normale Tätigkeitsprofil eines Sportvereins hinaus für behinderte Menschen machen, darzustellen.
Das Ergebnis ist beeindruckend. Fast würde ich die Jury des Wettbewerbes als Pendant zum Vergabekomitee des "Alternativen Nobelpreises" bezeichnen. Sie hatte einen schweren Job zu erledigen, nämlich aus den zahlreichen, ausnahmslos beachtenswerten Bewerbungen die auszuwählen, die den Verein als "Behindertensportverein des Jahres 2019" auszeichnen.

Zehn Vereine, deren Kurzportraits Sie auf der Internetseite des BRSNW lesen können, sind in die engere Wahl gekommen. Am ersten Tag der REHACARE (18.9.19) in Düsseldorf wird dann der Sieger des Wettbewerbs gekürt.

Hoffentlich nicht bescheiden, sondern lautstark und mit viel Aufmerksamkeit durch Medien und Öffentlichkeit.

Herzlich grüßt

Andreas Geist

 

P.S.: Die Titel "Bescheidene Helden" habe ich bei der Fotografin Katharina Mouratidi geklaut. Sie portraitierte Trägeri*innen des Right Livelihood Award.