Ich bin eine Lerche!
Nicht, dass Sie nun glauben ich hätte was genommen. Sogar das Bier, das ich gerade trinke, ist alkoholfrei, ehrlich. Obwohl ich keine Federn habe, nicht singen oder schön pfeifen kann, falle ich in die Kategorie Lerchen. Nicht in der Ornithologie, sondern in der Somnologie, der Lehre von der Schlafforschung und Schlafmedizin. Da werden Menschen, die zeitig aufstehen, als Lerchen bezeichnet, die, die lieber lang schlafen als Eulen.
Als ich für mein monatliches Einkommen noch arbeiten musste, ging mein Wecker an jedem Werktag um 5.15 Uhr. Mit den Jahren hat sich dann eine gewisse Routine eingeschliffen. Meist brauchte es den Wecker nicht um mich wach zu bekommen, denn ich erwachte von alleine kurz vor den ersten Tönen von WDR2. Das Dumme dabei: Auch im Urlaub, an Wochenenden und Feiertagen war meist früh Schluss mit lang schlafen. Das sehe ich nicht dramatisch, zumal das frühe Aufstehen bei vielen Menschen in unserer Gesellschaft gleichgesetzt wird mit Disziplin, Schaffenskraft, Energie... Mit derartigen Eigenschaften schmückt man sich gerne. Eulen dagegen stehen (in der Regel zu Unrecht) im Ruf faul und wenig ehrgeizig zu sein und an einem Mangel an Willenskraft zu leiden. Wenn früher die Kollegen morgens in die Geschäftsstelle kamen und ich den Kaffee schon fertig hatte fragten sie, ob ich da übernachtet hätte. Bei manchen spürte man einen Hauch von Bewunderung, bei anderen den unausgesprochenen Gedanken: Ist der bekloppt.
Für mich galt das Sprichwort "Morgenstund hat Gold im Mund!" aber auch schon früher und selbst heute als Rentner kann ich mich damit identifizieren. Zumal das mit dem Gold im Mund für unsereins in Form von Kronen und Inlays ja ebenfalls zutrifft. Heute wird das frühe Aufstehen von bösen Mitmenschen dann und wann auch mit seniler Bettflucht tituliert. Das finde ich weniger schmeichelhaft.
Aber ich gebe zu, in der Studentenzeit (und auch heute noch dann und wann) gab und gibt es Ausnahmen. Manchmal ist man gerade als junger Mensch gezwungen, seinen Wach-/Schlafrhythmus zugunsten sozialer Integration und Interaktion anzupassen. Dafür macht man das ja auch gerne. Treffen mit Freunden, Bekannten, Kommilitonen, gelegentlich auch Verwandten. Aber so ab 23 spätestens 24 Uhr merkt die Lerche dann, dass sie mit ihrem künstlich gestreckten Aktivitätsniveau gegen die Eulen nicht anstinken kann und es wird Zeit, sich ins Land der Träume zu verabschieden. Man will am nächsten Morgen ja nicht zähflüssig und energielos in den Tag starten, weil der Rhythmus gestört wurde. Auch unabhängig von netten Treffen passiert das. Zum Beispiel am Ende der Sommerzeit. Vorbei mit den langen, hellen Abenden und morgens ist es beim Aufstehen trotzdem noch dunkel. Zwar können wir eine Stunde länger schlafen, das werden die Eulen auch machen, aber wir Lerchen werden wohl wieder eine Stunde zu früh wach.
Wenn Sie in der glücklichen Lage sind wie ich das Rentendasein erreicht zu haben, ist es aber wurscht. Mit einem ausgiebigen Mittagsschläfchen bekommt man den Rhythmus schnell wieder in die richtige Schwingung. Wenn Sie noch im Berufsleben stehen, hab ich einen Tipp: Nennen Sie das Nickerchen am Schreibtisch einfach Powernapping. Das ist in der Arbeitswelt als leistungssteigernd anerkannt. Danach ist fast jeder eine Lerche!
Mit einem freundlichen Tirili grüßt
Ihr Andreas Geist