Rentner wie ich haben es gut. Nur selten kommt es vor, dass man schon früh morgens etwas erledigen und zeitig aus den Federn muss. So habe ich mir schon seit einiger Zeit angewöhnt gegen sieben nur kurz aufzustehen und dann mit dem Kaffeebecher noch einmal ins Bett zu gehen, um die neuesten Nachrichten online auf dem Tablet-Computer zu lesen.
Was es da zu lesen gibt, ist in der Regel vorhersehbar. Die neuesten Inzidenz-Zahlen des Robert-Koch-Instituts, Empfehlungen der Ständigen Impfkommission und die Kritiken daran. Die unterschiedlichen Maßnahmen der Bundesländer und anderer Staaten zur Eindämmung der Pandemie. Berichte über Protestaktionen von Gegnern der Corona-Beschränkungen und über Prominente und Sportler, die sich nicht impfen lassen wollen - von Kimmich bis Djukovic. Eigentlich recht langweilig, denn es wiederholt sich täglich.
Dabei ist mir gerade in den letzten Monaten aufgefallen, wie häufig von irgendwem irgendetwas gefordert wird, besonders - aber nicht nur - im Zusammenhang mit Corona. Die Einen fordern eine Impfpflicht, mehr Tempo bei Erstimpfungen und beim Boostern, die Anderen die Aufhebung aller Beschränkungen. Die Einen fordern Maskenpflicht im Unterricht, andere die Anschaffung von Luftfiltern. Manche fordern finanzielle Unterstützung bei coronabedingten Umsatzeinbußen, andere, etwa die Gastronomie, pochen auf Ausnahmen für ihren Geschäftsbereich.
Die Forderung nach vollen, ausverkauften Stadien kann man unterstützen, denn Fußballfans sind resistent und niemand steckt sich dort an, selbst wenn keine Masken getragen werden, alle eng zusammen stehen und aus vollem Hals singen und ihr Team anfeuern. [Ironie-Modus aus!]
Niedrigere Steuern auf Energie, Beihilfe zu den Miet- und Heizkosten und ähnliches stehen ebenfalls täglich auf der Forderungsliste. Bestimmt fallen Ihnen spontan noch viel mehr Beispiele ein.
Auffällig dabei ist, dass viel von den Pflichten des Staates und seiner Institutionen gegenüber den Bürgern gesprochen wird. Dass eine Forderung jedoch auch eine Pflicht bedingt, nämlich die, sich solidarisch zu zeigen und mit dem System, von dem man eine Leistung erwartet, zu kooperieren, wird aus meiner Sicht zu selten betont. Nun gibt es Leute, die sich ihrer Freiheitsrechte beraubt sehen, wenn es um Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln, Maske tragen oder gar eine Impfpflicht geht. Aufklärung, Bitten und Ermahnungen sich impfen zu lassen sind hier meist vergebens. Natürlich könnte man dem mit Strafen begegnen. Genau wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen, wo Gesetze regeln, was erlaubt und was verboten ist, etwa im Verkehr oder beim Steuern zahlen.
Besser fände ich es, wenn es keine gesetzliche Verpflichtung geben müsste, sondern sich stattdessen eine moralische Pflicht entwickelt, die widerspiegelt, dass die betreffende Person erkannt hat, dass eine Gesellschaft nur durch Geben und Nehmen funktioniert und alle einen Beitrag leisten müssen, um so schnell wie möglich die schwierigen Zeiten hinter sich lassen können.
"Ein Utopist der Geist" werden jetzt viele von Ihnen denken, aber die Hilfsbereitschaft bei der Flutkatastrophe im letzten Jahr und das ehrenamtliche Engagement, das tausende Freiwillige in vielen Bereichen an den Tag legen, beweisen doch, dass so etwas funktionieren kann.
Selbst wenn man nicht selbst aktiv werden will, so wären die drei Piekser und das Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln schon ein solidarischer Beitrag, der allen hilft. Besonders jedoch jenen, die die Pflege und Versorgung der Erkrankten schultern und die oft genug mehr als das Zumutbare leisten müssen.
Ich stelle daher die Forderung, dass mehr Solidarität in der Gesellschaft zur Selbstverpflichtung wird! Mit dem freiwilligen, temporären Verzicht auf ein winziges Stück meiner Selbstbestimmung trage ich dann dazu bei, dass eine freiheitliche Gesellschaft, wie wir sie noch haben, weiter existieren wird. Nicht ohne Hintergedanken marschieren rechte Gruppierungen und Neo-Nazis vorne bei den Demos gegen die Corona-Maßnahmen mit.
Alles erdenklich Gute im Jahr 2022 wünscht Ihnen
Andreas Geist