Heute schon gehamstert?
Meine Nachbarin ist eine fidele Oma von 93 Jahren, die alleine lebt und ihren Haushalt noch vollkommen selbständig schmeißt. Ich bewundere, mit welcher Energie sie ihren kleinen Garten pflegt, ihre Wäsche macht, putzt, kocht, halt alles erledigt, was so anfällt. Dazu ist sie auch noch am Tagesgeschehen in der Welt interessiert, guckt die Nachrichten und ist gut informiert.
Mit ihrem Rollator schiebt Guste, so heißt die Dame, manchmal bis zum nächsten Discounter um Kleinigkeiten einzukaufen. Große und schwere Sachen bringt ihr die Tochter. Aber wenn Guste etwas vergessen hat, dann läuft sie los.
Dieser Tage traf ich sie vor dem Haus und sie schien etwas aufgebracht. Sie erwartete Besuch und wollte einen Kuchen backen, hat jedoch bei Aldi kein Weizenmehl mehr bekommen. Das war durch Hamsterkäufe ausgegangen. Ich wusste bis dahin nicht, dass die sympathische Oma auch fluchen und schimpfen kann. Nicht nur Putin bekam sein Fett weg, sondern insbesondere die (Zitat) "bekloppten Vollidioten, die sich Vorräte anlegen, als ob es morgen nichts mehr gäbe".
Recht hat sie! Natürlich kann und wird es Versorgungsengpässe geben und wir werden mehr bezahlen müssen für alles, was uns unentbehrlich erscheint. Man kennt das noch vom Toilettenpapier am Anfang der Pandemie. Nun ist Klopapier auch ohne es einzufrieren recht lange lagerfähig und verdirbt nicht so schnell - im Gegensatz zu Lebensmitteln. Doch was, wenn die Gaskraftwerke abgeschaltet werden und auch der Strom für die Kühltruhe knapp wird? Schade um die Vorräte.
Aktuell ist es Sonnenblumenöl, dass überall ausverkauft ist und um das es mancherorts sogar Krawall im Supermarkt gibt, wenn jemand 30 Liter davon in den Einkaufswagen packt. Was um Himmelswillen macht man mit so viel Öl? Ob die das in ihre Dieselfahrzeuge kippen? Möglich, bei den Spritpreisen. Auch Anderes wird gehamstert: Nudeln, Reis, Konserven, Hefe und alles, was einige Zeit in der Vorratskammer überdauern kann. Eine solche habe ich auch, aber die ist relativ schwach bestückt und eher eine Rumpelkammer als ein ordentlicher Vorratsraum.
Im Rentenalter braucht man ja nicht mehr so viel Vorräte. Da reicht ein Pfund Spaghetti für vier Mahlzeiten. Zu Studentenzeiten war das anders. Aber einen wirklichen Engpass bei Lebensmitteln habe ich noch nie erlebt. Wohl schon einmal eine Ölkrise, aber da ging es nur um Erdöl, heute um Erdöl und Sonnenblumenöl.
Die Hamsterei würde ich mir noch erklären können, wenn wirklich betagte Menschen - so wie Guste -die das Elend nach dem Krieg erfahren haben, größere Vorräte anlegen. Aber da siegt die Vernunft über Raffgier und Sicherheitsgefühl.
Zugegeben, ein kleines bisschen gehamstert habe ich jetzt auch. Die Grillsaison steht vor der Tür und dann muss ich hören, dass auch der Senf jetzt knapp wird. Grillwurst ohne Senf? Geht gar nicht! Folglich habe ich eine Tube auf Vorrat in besagte Kammer gelegt. Ok, auch die zweite Kiste Bier in der Garage hätte noch nicht angeschafft werden müssen, aber sie war halt gerade im Angebot und alles soll ja teurer werden. Da hat man schnell mal zwei Euro gespart und dafür bekommt man schon einen Liter Diesel, fast.
Ich konnte Guste übrigens aushelfen und habe ihr mein letztes Paket Mehl aus meiner Vorratskammer geschenkt. Da ich mein Brot selber backe, hatte ich da noch ein Kilo. Ein oder zwei Tage später habe ich dann Mehl im Supermarkt erstanden und es bis zu diesem Zeitpunkt nicht vermisst.
Nicht jede Vorratshaltung ist ja gleich hamstern und ich bin sicher, dass Sie mit Augenmaß und Verstand einkaufen. Aber denen, die Guste das Mehl bei Aldi weggekauft haben, wünsche ich eine Mehlmotten- und Mehlwürmerplage und dass das Sonnenblumenöl ranzig wird!
Herzlich grüßt
Andreas Geist