Kolumne "Geistreich": Ist alles so schön bunt hier!

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Ist alles so schön bunt hier!

Sagt Ihnen der Name Nina Hagen noch was? Die Sängerin mit dem Beinamen „Godmother of Punk“, die in den Siebzigern und Achtzigern für das eine oder andere Skandälchen gesorgt hat? Das ist die, die das Lied "TV-Glotzer" gesungen hat mit dem Refrain "Ist ja alles so schön bunt hier".

An die fühlte ich mich erinnert, als es während der Fußball-EM um den Aufstand gegen die homophoben Gesetze in Ungarn ging und um die Möglichkeit, das Münchener Fußballstadion in Regenbogenfarben anzustrahlen. Da ist ja leider nichts draus geworden, aber zumindest die Kapitänsbinde von Manuel Neuer war ja bunt, Markus Söder hat eine bunte Maske getragen, die Zuschauer hatten Regenbogenfähnchen und viele andere Stadien und Gebäude wurden ins bunte Licht getaucht.

Eigentlich bin ich dagegen den Sport zu politisieren, aber in dem Fall hätte mir die farbige Arena gut gefallen. Nicht nur um Victor Orban zu zeigen, wie verpeilt er ist, sondern ich sehe darin in erster Linie ein Zeichen des Zusammenhalts und der Zuversicht und nicht nur das Erkennungsmerkmal für die Schwulen- und Lesben-Bewegung. Ein Regenbogen ist nicht nur ein Naturschauspiel, sondern seit Urzeiten auch ein Symbol. Schon in der Bibel, im Alten Testament, gilt der Bogen als Zeichen des Bundes zwischen Mensch und Gott. Und auch schon in der griechischen Mythologie und bei den alten Germanen hatte der bunte Lichtbogen die Funktion einer Brücke zwischen den Göttern und den Menschen.
Was auch immer man hinein interpretieren mag, die Verwendung der Regenbogen Flagge oder eines Regenbogen-Logos  drückt für mich immer auch den Wunsch nach einer besseren Welt aus. Sei es im Naturschutz (Greenpeace), in der Friedensbewegung oder eben auch in Bezug auf Gleichberechtigung, Respekt und Anerkennung - ungeachtet von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Glaube oder auch der sexuellen Orientierung usw..

Nach dem Eklat von München nutzt sogar die UEFA selbst den Regenbogen: "Für die UEFA ist der Regenbogen kein politisches Symbol, sondern ein Zeichen unseres starken Engagements für eine vielfältigere und inklusivere Gesellschaft."
Das ist völlig in Ordnung, wenn es ehrlich gemeint ist und das Handeln konsequent danach ausgerichtet wird. Allerdings wird der UEFA von vielen Seiten unterstellt, eher im eigenen Interesse zu handeln und nicht so sehr daran interessiert zu sein, was für die Teams, Zuschauer und Verbände das Beste ist. Etwa wenn der Entzug von Spielen angedroht wird, falls trotz Corona nicht vor Publikum mit fast vollen Stadien gespielt wird. Absolut verantwortungslos aus meiner Sicht.

Wenn für die UEFA der bunte Regenbogen unpolitisch ist, dann hätten sie die Beleuchtung in München auch erlauben können, so wie die Armbinde von Manuel Neuer. Auf die Größe kommt es bei Symbolen nicht wirklich an. Der Fehler war wohl vorher bei der UEFA nachzufragen. Denn Orban ein bisschen ärgern bevor feststeht, dass das Finale wirklich in London stattfinden kann, geht nicht. Schließlich ist Budapest als Ausweichort im Gespräch, wenn die Delta-Variante London als Spielort für das EM-Finale unmöglich machen sollte, und darauf scheint es derzeit hinauszulaufen. Aber das ist alles viel zu politisch und düster. Sport sollte aus meiner Sicht bunt, fröhlich und transparent sein. Dunkle Machenschaften, die in erster Linie finanziellen Interessen dienen und die Gesundheit von Aktiven, Zuschauern und Teilen der Bevölkerung ignorieren, sind nicht akzeptabel.
Auch wenn es utopisch ist: Träumen wir doch lieber weiter von einer besseren, schönen bunten und gleichberechtigten Welt, in der die Sorgen dahin schmelzen wie Zitronenbonbons. So, wie es der hawaiianische Sänger Israel Kamakawiwo’ole in seinem Lied  "Somewhere over the Rainbow" tut.

Herzlich grüßt

Andreas Geist