Kolumne "Geistreich": Kein Vergleich ?

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Kein Vergleich?

Vielleicht liegt es daran, dass ich älter werde, aber ich kann manche Dinge, die in unserer heutigen Welt passieren, nicht mehr verstehen. Uns Senioren sagt man ja nach, mit zunehmendem Alter unflexibel zu werden. Klar, Beweglichkeit, Dehnfähigkeit und die körperliche Leistungsfähigkeit allgemein lassen - verglichen mit früher - nach. Was die bösen Zungen aber meinen, bezieht sich nicht auf das Körperliche, sondern darauf, dass uns der Altersstarrsinn unflexibel macht und wir nicht mehr offen sind für neue Ideen und Veränderungen. Aber das ist nicht richtig. Was ich für sinnvoll und zielführend halte unterstütze ich soweit ich kann.

Zugegeben gibt es Bereiche, wo es mir an Flexibilität mangelt. Beim Gendern etwa. Wo es sich nicht vermeiden lässt, mache ich halbherzig mit. Aber hat sich in unserer Gesellschaft im Vergleich zur „Vorgenderzeit“ dadurch etwas geändert? Werden Frauen inzwischen weniger diskriminiert, gleich bezahlt, haben gleiche Aufstiegschancen und werden weniger Opfer von Gewalt und Unterdrückung? Ich behaupte nein. Alles, was erreicht wurde, ist eine Verkomplizierung von Schrift und Sprache.

Auch mit dem Begriff der kulturellen Aneignung kann ich nicht viel anfangen. Haben Kinder, die zu Karneval Indianerkostüme tragen, Diskriminierendes im Sinn? Dürfen hellhäutige Menschen keine Reggae-Musik machen oder Dreadlocks tragen? Wegen so was wurden Konzerte abgesagt!!! Dabei wurde schon immer in der Geschichte der Menschheit verglichen und was gut war oder besonders gefiel wurde kopiert. Vom Faustkeil bis zum Industriedesign. Das machen – nicht nur - die Asiaten immer noch gerne, wenn es um besondere Produkte und pfiffige Ideen geht. Letztes ist dann aber keine kulturelle, sondern industrielle Aneignung und das geht natürlich gar nicht.
Wenn aber in der Bretagne Dudelsack gespielt wird, finde ich das ok. Zumal ich nicht weiß, ob die Schotten das Instrument erfunden oder nur besser vermarktet haben. Oder haben sich gar die Schotten Kulturgut der Franzosen angeeignet? Wer weiß.

Auch wenn Dinge geändert werden, die sich in meinen Augen bewährt haben und gut sind, zeige ich mich nicht sehr flexibel. So ging kürzlich durch die Presse, dass die Kultusminister*innen die Bundesjugendspiele reformieren wollen. Es sei wichtiger, bei jungen Teilnehmern die Spielfreude und den Teamgeist zu fördern als Leistungsvergleiche anzustellen. Hallo? Sport ohne Leistungsvergleich? Wir führen Bestenlisten, Welt-, Europa-, Deutsche Rekorde. Wir zählen die Tore, die jemand während einer Saison erzielt hat und setzen ihm/ihr die Torjägerkrone auf. Ich halte das für gut und richtig. Wer sich nicht mit anderen vergleicht und dadurch den Ehrgeiz entwickelt sich selbst und seine Leistung zu verbessern, wird im besten Fall durchschnittlich bleiben.

Es gibt sogar eine Petition „Bundesjugendspiele abschaffen“, die von einer Mutter ins Leben gerufen wurde, deren Sohn heulend mit einer Teilnahmeurkunde nach Hause kam. Diese Veranstaltung sei demütigend und demotivierend argumentieren die Befürworter*innen dieser Petition. Den pädagogischen Ansatz, das zu verhindern, kann ich einerseits verstehen. Andererseits sehe ich keine „Schmach“ darin, dass andere höher, schneller, weiter können. Es ist normal, dass Menschen etwas besser oder schlechter können als andere. Nicht nur im Sport, sondern in allen Fächern und allen Bereichen des Lebens. Man muss lernen das zu akzeptieren und damit zurechtkommen. Und im Zweifel lernt man das besser im sportlichen Vergleich als wegen unzureichender Leistung von der Schule oder Uni zu fliegen oder den Job zu verlieren.
Vielleicht sollten die Gegner der Bundesjugendspiele auch einmal darüber nachdenken, woher die miese sportliche Leistungsfähigkeit kommt. Besteht ein Zusammenhang mit der Förderung körperlicher Aktivität und gesunder Lebensweise in den Familien? Fällt zu viel Sport in der Schule aus? Gibt es keine Schwimmbäder mehr? Besteht der überwiegende Teil der Freizeitaktivitäten aus Computerspielen? Ich weiß es nicht, sehe aber in den Bundesjugendspielen nach wie vor einen wichtigen Leistungsvergleich, der einerseits Hinweise darauf gibt, welche Kinder besonderen Förderbedarf und vielleicht schon gesundheitliche Problem haben, andererseits aber auch, wo Talente schlummern.
Konsequenter Weise müssten die Vergleichsverweigerer dann auch auf Benotungen in Mathematik, den Fremdsprachen, Naturwissenschaften und allen anderen Fächern verzichten. Und die Teilnahme an der internationalen PISA-Studie brauchen wir auch nicht mehr, die ist ja auch nur ein Leistungsvergleich.

Besser, wenn bei den Bundesjugendspielen alles so bleibt wie es war. Mit Ehren-, Sieger und Teilnahmeurkunden, denn das kann auch Ansporn und Motivation für mehr körperliche Aktivität sein. Ohne Vergleich mit anderen geht das aber nicht und das finde ich gut. Auch bei uns älteren Semestern wird noch verglichen. Neulich sagte meine Frau zu mir: „Verglichen mit anderen in Deinem Alter hast Du Dich aber gut gehalten!“ Wenn das nicht motivierend ist…

Herzlich grüßt

Andreas Geist