Kolumne "Geistreich": Oh du Fröhliche

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

© BRSNW

..., oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!

Den Text dieses Weihnachtsliedes kennen Sie wahrscheinlich von Kindheit an. Und soweit ich mich noch an meine eigene Kindheit erinnern kann, hatten die Advents- und Weihnachtszeit damals tatsächlich ein besonderes Flair, zumindest für uns Pänz. Da wurde der Adventskranz selbst aus Tannenzweigen gebunden und geschmückt, gemeinsam Plätzchen und Stollen gebacken und unsere Pfadfindergruppe bastelte kleine Geschenke für Eltern und Geschwister im Werkraum des Jugendheims. Besonders hoch im Kurs standen damals bunte Manschettenknöpfe, Broschen und Spangen, kleine Kunstwerke aus dem Emaille-Brennofen, die wir unter Anleitung erfahrener Erwachsener selbst entworfen und hergestellt haben. Auch Vogelhäuschen, Laubsägearbeiten und Mobiles erfreuten sich großer Beliebtheit und natürlich Frühstücksbrettchen aus Holz, in die mit einem Lötkolben die Namen der Beschenkten eingebrannt wurden. Sicherlich gibt es auch heute außerhalb von Schule und Kindergarten noch Ehrenamtliche und Eltern, die mit Kindern basteln und ihnen beibringen, wie man kleine, aber von Herzen kommende Geschenke mit wenig finanziellem Aufwand selbst machen kann. Aber die Regel dürfte das nicht mehr sein.

Tatsächlich hat sich die Welt in den annähernd sechzig Jahren, seit ich die letzten Manschettenknöpfe für meinen Vater gebrannt habe, dramatisch verändert. Das Selige und Gnadenbringende an der Weihnachtszeit ist aus meiner Sicht perdu und es ist die dritte Textzeile des Weihnachtsliedes, die mir ins Auge springt und mir ein flaues Gefühl verursacht: "Welt ging verloren..."

Abgezeichnet hat es sich ja schon seit Jahrzehnten. Alles dreht sich um das Weihnachtsgeschäft, nicht um das Fest an sich. Der Rubel muss rollen, die Umsätze wachsen, Bedürfnisse geweckt werden, die vorher nicht vorhanden waren. Oh du Fröhliche? Sicherlich nicht. Für viele unter uns ist gerade in diesem Jahr Weihnachten ein Stressfaktor. Nach zwei Jahren Pandemie könnte man endlich wieder entspannt mit Familie und Freunden feiern, reisen oder andere schöne Sachen machen. Aber Angst vor Krieg und Energieknappheit, rapide steigende Preise für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Lebens, das Wissen um Not und Elend in der Welt und drohende klimatische Katastrophen bremsen die Vorfreude auf Weihnachten aus. Aber wir sollten sie uns nicht ganz nehmen lassen. Auch mit wenig(er) kann man bei uns gut und zufrieden leben. Noch gibt es die Möglichkeit die verlorene Welt zurück zu holen.

Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten, Gesundheit und Zufriedenheit im kommenden Jahr und entspannte letzte Wochen des Jahres 2022. Dabei hilft vielleicht ein Tipp der AOK zum Stressabbau, den ich im Netz gefunden habe: "Praktisch kann das zum Beispiel bedeuten, die erste Tasse Punsch besonders zu genießen, das Muster der Tasse zu betrachten, dem fruchtigen Geschmack auf der Zunge nachzuspüren. Regelmäßig durchgeführt können solche Achtsamkeitsübungen unter anderem dabei helfen, geduldiger zu werden und weniger zu grübeln."

Das werde ich noch heute ausprobieren.

Herzlich grüßt

Andreas Geist