Was für Zeiten. Bisher habe ich geglaubt, ich würde zumindest in Ansätzen durchschauen, wie die Menschheit tickt und was sich auf der Welt so tut. Vor allem war ich überzeugt, dass die Menschheit sich weiter entwickelt und Evolution nicht nur eine Anpassung an äußere Gegebenheiten, sondern eine Weiterentwicklung zum Besseren darstellt.
Mit sicherlich vorhandenen Vorurteilen konnte ich für mich die Schurken und die Guten unterscheiden und mir die Leute von sympathisch über neutral bis abstoßend einteilen. Natürlich habe ich dabei auch öfters falsch gelegen, aber im Großen und Ganzen hat es gepasst.
Ich kann nicht definitiv sagen, woran es liegt, aber der Glaube, dass Menschen lernfähig und -willig sind, ist mir jedenfalls abhanden gekommen. Wahrscheinlich ist es die Fülle an Unfassbarem, die in den täglichen Nachrichten über uns hinein bricht. Meldungen aus allen Bereichen Politik, Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft und sogar aus dem Sport.
Jedenfalls ist die Erwartung dahin, dass es doch für alle Menschen ein erstrebenswertes Ziel sein müsste, in einer friedlichen, fairen und sauberen Welt zur leben, in der alle ihr Auskommen haben. Dafür hat sich die Überzeugung breit gemacht: Die Menschheit ist zu blöd, um auf diesem Planeten zu überleben.
Trotz fortgeschrittenen Alters und der Gewissheit, dass ich das Ende der Menschheit nicht mehr erleben werde, mache ich mir so meine Gedanken: Was kann ich - außer hier in Deutschland zu wählen - dazu beitragen, dass der alltägliche Irrsinn zumindest weniger wird? Verdammt wenig wohl. Was will man gegen Machtgier und Geltungsbedürfnis in totalitären Staaten machen? Wie soll man Umweltsündern, denen der Profit über alles geht, entgegentreten? Wie den Lobbyismus eindämmen, der Politiker dazu bringt, die Wünsche bestimmter Gruppen zu erfüllen, statt das Allgemeinwohl im Auge zu haben? Um mich nicht komplett ohnmächtig zu fühlen, habe ich den Boykott für mich entdeckt. Es ist mir bewusst, dass ich rein gar nichts damit bewirken werde, aber es macht ein gutes Gefühl.
Schon zu Zeiten von Donald Trump habe ich mir geschworen: Nie wieder Mac Donalds oder andere Burger-Ketten! Die können eigentlich nichts dafür, aber ich ziehe das durch. Auch gegen ein Apple-Handy habe ich mich entschieden; ich habe nun eins aus deutscher Produktion! Ok, es kostet auch nur einen Bruchteil eines iPhones, aber es kann auch telefonieren und ins Netz kann ich auch damit. Natürlich habe ich das im Elektronikmarkt hier im Ort gekauft, denn da bin ich konsequent: Es wird nichts, rein gar nichts über Amazon bestellt. Hauptsächlich, weil die bekannter Maßen ihre Angestellten ausbeuten und nicht die Steuern zahlen, die sie eigentlich zahlen müssten.
Hoffentlich hat der brasilianische Despot Jair Bolosonaro inzwischen mit Verärgerung registriert, dass ich auch Fleisch aus Südamerika boykottiere. Regenwald abzuholzen für Weideflächen und Viehfutteranbau geht mit mir nicht. Und wo wir gerade beim Essen sind: Die Tricks der Lebensmittelindustrie, die oft nur unzureichend deklarieren, was in ihren Produkten steckt, verraten mir die Marktsendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und diese Produkte landen bei mir auf dem Index. Als Rentner kann ich mir das leisten, denn ich habe ja genügend Zeit frisch und regional zu kochen.
Gerne würde ich auch mehr persönliche Sanktionen gegen ganze Staaten verhängen. Etwa wenn sie Kritiker vergiften oder erschießen und andere Staaten bedrohen und besetzen. Natürlich verzichte ich auf Kaviar und Krimsekt. Auch die (Gas-)Heizung habe ich schon ein bisschen runter gedreht, aber ob Putin das merkt? Gerne würde ich auch den Chinesen ein knallhartes "Ohne mich!" entgegen schleudern. Aber auf chinesische Waren und Bauteile zu verzichten, ist so gut wie unmöglich geworden. China steckt überall drin, wahrscheinlich sogar in meinem deutschen Handy.
Mein China-Boykott beschränkt sich bisher auf die Übertragungen der olympischen Winterspiele in Peking. Ohne mich liebe Chinesen! Schon wegen der zynischen Geste eine uigurische Sportlerin die Fackel ins Olympiastadion tragen zu lassen.
Für die bald beginnenden Paralympics überlege ich meine Boykottmaßnahme temporär auszusetzen. Selbst die Chinesen verdienen noch eine Chance, mich als Zuschauer vor dem Fernsehen zurück zu gewinnen.
Herzlich grüßt
Andreas Geist