Kolumne "Geistreich": Regeln

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

© BRSNW

Ich glaube es liegt am Alter. Immer öfter habe ich das Gefühl, dass ich die Welt nicht mehr verstehe. Eigentlich weniger die Welt als die darauf lebenden Menschen und das, was in deren Köpfen vor sich geht. Wie sie sich verhalten macht mich dann oft sprach- und fassungslos.

Nun bin ich weder in Geschichte noch in Soziologie besonders bewandert. Aber vermutlich seit der Steinzeit oder noch davor waren die Menschen darauf angewiesen sich an Regeln zu halten, wenn das Zusammenleben funktionieren und das Dasein für alle erträglich sein sollte. So haben sich Regeln, Werte und Normen entwickelt, die die Basis für eine funktionierende Gesellschaft bilden. Egal ob diese nun auf Steintafeln gemeißelt waren, als Gebote in religiösen Schriften auftauchten, ob es die Tischmanieren von Knigge oder modernere Gesetzesbücher waren: Sie alle regelten und regeln das Leben in einer Gemeinschaft.
Natürlich gab es schon immer Leute, die sich darum nicht geschert haben und denen der eigene Vorteil wichtiger war als das Gemeinwohl und das Funktionieren einer Gesellschaft. Im Kleinen, etwa in der Familie, im Freundeskreis oder im Verein wird nicht erwünschtes Verhalten vielleicht noch durch die anderen Personen korrigiert. Übel und unkalkulierbar wird es, wenn die Egozentriker, Selbstdarsteller und andere mangelhaft sozialisierte Personen sich zusammenschließen und anfangen gegen sinnvolle Regeln Sturm zu laufen und dagegen zu verstoßen. Etwa Reichsbürger, Querdenker, Hooligans und was es sonst noch so gibt in der Szene. Wenn ich die Meldungen darüber sehe, tritt bei mir das oben erwähnte Unverständnis ein. Warum hat der Herrgott - oder von mir aus auch die Evolution - das Licht in den Birnen mancher Menschen so runter gedimmt?
Nehmen wir als Beispiel die Straßenverkehrsordnung. Sie ist ein notwendiges Instrument um die Verkehrsströme in Gang zu halten, die Menschen zu schützen  und die Mobilität zu gewährleisten.
Manche (meist männliche) Mitbürger sehen darin aber ein Instrument des Staates, um sie an der freien Entfaltung ihres Fahrstils zu hindern. Die Folgen und Einschränkungen ihrer Verstöße für andere Menschen sind ihnen egal.

Auch die A-H-A Regeln in der Corona-Krise zu befolgen und eine zeitlich begrenzte Zurückhaltung bei Kontakten und Konsum in Kauf zu nehmen, ist für mich kein Wegnehmen von Grundrechten, sondern eine Handlung auf Basis des gesunden Menschenverstandes. Würden sich alle daran halten, wären wir sicherlich schon weiter in der Pandemiebekämpfung. Aber die Meldungen von gravierenden Verstößen, privat, aber auch von fehlendem Schutz am Arbeitsplatz oder in der Schule nehmen kein Ende.
Nicht, dass Sie mich jetzt als obrigkeitshörig und bedingungslos gesetzestreu ansehen. Ich stelle auch schon mal den Tempomat auf 75 km/h, wenn 70 erlaubt sind. Aber an Regeln, die mir sinnvoll und wichtig erscheinen, halte ich mich meist. Natürlich gibt es aber auch Gesetze, bei denen man die Existenzberechtigung hinterfragt.
Warum muss ein EU-Seilbahngesetz Anwendung finden in einer Stadt, die keine Seilbahn hat? So geschehen in Berlin. Der Stadt drohte eine saftige Geldstrafe der EU, wenn dieses Gesetz nicht angewendet würde. Oder zurück zur Straßenverkehrsordnung. Der § 50 der StVO regelt z.B. den Verkehr auf der Insel Helgoland. Dort ist nämlich das Auto- und das Radfahren verboten. Natürlich gibt es Ausnahmen. Für Polizei, Feuerwehr und Post usw. sind Elektrofahrzeuge erlaubt. Und ja, es gibt auch Ausnahmegenehmigungen für systemrelevante Radfahrer, die auf speziell gekennzeichneten Rädern unterwegs sein dürfen. Alles ok.
Als massive Einschränkung der Freiheitsrechte empfinde jedoch das Radfahrverbot für Helgoländer Kinder. Damit diese gegenüber Kindern auf dem Festland keinen Nachteil haben, dürfen sie inzwischen bis zum Alter von vierzehn Jahren von Oktober bis April Radfahren lernen.
Hallo? Wer steigt da auf's Rad, wenn es stürmt und regnet? Was sind das für Regeln? Das ist als wollte man Bayerns Biergärten nur von November bis Februar öffnen. Da will dann auch keiner sitzen.
Mal ehrlich, so eine Regel kann man doch nicht ernst nehmen. Bei dem Seitenwind brauchen die Dreizehnjährigen dann noch Stützräder.
Da wird man doch zum Querdenker für Kinderrechte auf Helgoland!
Bisher war ich noch nicht auf Helgoland, aber wenn ich da mal hin fahre, habe ich ein Klapprad im Gepäck!  Und dann wird da eine Demo für Radfahren auch im Sommer durchgezogen. Aber mit Maske und Fahrradhelm. Immer regelkonform!

Herzlich grüßt

Andreas Geist