Dieses Jahr habe ich seit 50 Jahren den PKW-Führerschein, den ich damals - ohne einmal durch die theoretische oder praktische Prüfung zu fallen - bestanden habe. Warum ich das erwähne? Ich habe gelesen, dass immer mehr junge Leute durch die Führerscheinprüfung rasseln. 39% durch die Theorie und 37% durch die praktische Prüfung. Das wäre für mich damals eine Katastrophe gewesen, denn die Fahrerlaubnis war so etwas wie die Eintrittskarte in die Welt der Erwachsenen und ermöglichte die große Freiheit, sofern man auch ein Auto zur Verfügung hatte. Gut, dass meine Mutter da recht großzügig war und ich oft mit ihrem kleinen NSU Prinz 4 rumknattern durfte, bis ich dann irgendwann meinen ersten, gebrauchten Käfer für 250 DM kaufen konnte. Damit gehörte die Straße mir, denn der Sprit war noch erschwinglich zu der Zeit.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Selbst Auto zu fahren war für uns früher ein Stück Unabhängigkeit und gehörte zum Erwachsenwerden einfach dazu. Heute scheint das für die jungen Leute nicht mehr so wichtig zu sein, was man bei den Problemen mit dem Klima durchaus verstehen kann. Viele wollen auch gar kein eigenes Auto mehr haben. Daher stellen die Mitglieder der „Last Generation“ die Verbindung zum Straßenverkehr gerne mal mit Sekundenkleber her, um die zu ärgern, die das noch anders sehen und handhaben. Irgendwie doof und verständlich zugleich.
Ich bin seit damals viel gefahren, übrigens ohne je in einen Unfall verwickelt worden zu sein. Ok, einmal bin ich von einer Laterne angefahren worden, die sich im toten Winkel hinter meinem Ford Fiesta angeschlichen hatte. Der Laterne ist aber nichts passiert, nur meiner Stoßstange.
Ein Grund dafür, dass ich von größerem Ungemach verschont geblieben bin, ist mit Sicherheit, dass ich zwar gerne gefahren bin, aber nie etwas Sportliches mit Autofahren verbunden habe. Ich würde mich sogar als Motorsporthasser bezeichnen und wenn es nach mir geht, kann ein Tempolimit noch heute eingeführt werden. Wie in Holland: 80 auf der Landstraße und 100 auf der Autobahn. Gut für die Umwelt, gut für die Nerven, gut für den Verkehrsfluss. Da bin ich ganz bei der „Letzten Generation“. Sparsam und vorausschauend zu fahren liegt mir mehr als tiefer, breiter, schneller und mit einem Sportauspuff den Lärmpegel in der Umwelt noch weiter zu erhöhen.
Natürlich würden auch Rentner wie ich von einem Tempolimit profitieren. Es ist ja nicht zu leugnen, dass die Sinneswahrnehmungen und das Reaktionsvermögen im Alter nachlassen. Aber wenn alles mit 100 statt mit 150 abläuft, passt es doch wieder. Deshalb verstehe ich die Pläne der EU nicht, dass Senioren ab 70 Jahren ihre Fahrtauglichkeit bald regelmäßig nachweisen müssen.
Ich habe damit kein grundsätzliches Problem und würde zum TÜV für Senioren gehen und beweisen, was ich noch kann. Aber bitte warum nur die Senioren??? Wenn, dann bitte alle Führerscheininhaber, denn organische Gründe für eine verminderte Fahrtüchtigkeit gibt es wie Sand am Meer und über die psychische Eignung mancher Fahrzeuglenker brauchen wir nicht reden. Erfahrungen mit Vollpfosten auf dem Asphalt hat jeder von uns schon gemacht. Aber lassen wir das. In der Politik wird ja bereits darüber diskutiert, dass in Zukunft bis zum Alter von 70 Jahren gearbeitet werden muss, um die Renten finanzierbar zu erhalten. Dann wird es spannend. Wie wird ein Handwerker, vielleicht ein Fliesenleger, zu seiner Arbeitsstelle kommen? Wie sollen ältere Menschen in ländlichem Umfeld einkaufen und sich versorgen? Mit Chauffeur oder bepackt im ÖPNV? Gut, irgendwann kommt wohl das autonome Fahren, dann hat sich das Problem erledigt, vorausgesetzt die Rente reicht für solch ein modernes und vermutlich teures Gefährt. Freiheit für 250 DM wird es nicht mehr geben. Somit werden die Älteren durch ein EU Gesetz diskriminiert. Nur weil sie ein gewisses Alter erreicht haben, nicht etwa, weil sie irgendwie auffällig geworden sind wie Raser, Drängler und alkoholisiert oder bekifft fahrende Deppen.
Den Gedanken finde ich furchtbar und wenn es soweit kommt habe ich schon eine Idee. Gucken wir Alten uns doch was bei der Jugend ab! Wir kleben uns an unser Recht (oder die Straße) individuell zu entscheiden, in welcher Form wir mobil sein wollen – und können. Der regelmäßigen Überprüfung stimme ich zu, wenn sie für alle gilt. Und wenn es nicht mehr reicht zum Fahren, gebe ich den Lappen freiwillig ab. Versprochen!
Etwas auf Krawall gebürstet grüßt
Ihr Andreas Geist