Kolumne "Geistreich": SoS !!!

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

© BRSNW

Nein, ich bin nicht in Seenot, ich sitze in der (noch?) warmen Wohnung vor dem Computer, es geht mir gut und ich muss nicht gerettet werden. "SoS" steht hier für Süßes oder Saures, den Spruch, den als Monster, Hexen, Zombies, Skelette u.ä. verkleidete Kinder und Jugendliche am Abend des 31. Oktober aufsagen, wenn sie in Banden durch die Straßen marodieren und an den Haustüren klingeln. Schon an meiner Wortwahl erkennen Sie: Ich bin kein Fan dieses importierten Gruselfestes Halloween, das aus meiner Sicht ausschließlich von gewieften Marketingexperten inszeniert und gepusht wird um reichlich Geld zu verdienen.

Es mag meinem Alter geschuldet sein, dass ich daran keinen Spaß habe und lieber einen ruhigen Abend verbringe ohne Verkleidung, Kettensäge, Horrorclowns, Kunstblut, Spinnweben, Gummimasken, Kürbissen und allem anderen Quatsch. Und es bestärkt mich eher in meiner Meinung, wenn Heidi Klum sich als Riesenmehlwurm verkleidet auf irgendeiner Bühne räkelt. 
Aber ich war ja auch einmal jünger und da haben wir auch keine Gelegenheit ausgelassen, um abzufeiern und auch manchmal über die Stränge zu schlagen. Folglich habe ich auch eingekauft, um die Forderung nach "Süßem oder Saurem" eventueller abendlicher Besucher an der Haustüre erfüllen zu können. Aus Erfahrung habe ich nicht mit vielen "Plagegeistern" und Gruselgestalten gerechnet, aber mehrere Tafeln Schokolade - Vollmilch und Marzipan - lagen bereit, um umgekippte Mülleimer, verklebte Schlösser, beschmierte Wände u.ä. zu verhindern. Denn davon liest man regelmäßig, falls der oder die Wohnungsinhaber*in den Forderungen der Monster, aus welchen Gründen auch immer, nicht entspricht. Aus meiner Sicht eine Form der Erpressung, aus der dann hoffentlich keine Lehren für das Verhalten im "normalen" Leben gezogen werden.

Gekommen ist zu mir dieses Jahr jedoch niemand. Das fand ich sogar schade, denn neben dem Süßkram hatte ich auch ein großes Glas mit Essiggurken parat stehen und die Gesichter (sofern hinter irgendwelchen Plastikmasken und Kostümen aus Fernost erkennbar)  hätte ich mit Vergnügen gesehen, wenn es statt Süßigkeiten erst einmal eine saure Gurke gibt!
Wenn die Kids schon fragen und ich mir aussuchen kann, was ich geben will...  Selber schuld, dann sollen sie nicht irgendwelche Sprüche kloppen, die alle kloppen, sondern sich was Originelles einfallen lassen. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr!
Aber vermutlich werde ich dann auch nicht versuchen die Kinder hoch zu nehmen und ihnen ihren Spaß am Süßigkeiten sammeln und im Dunkeln um die Häuser zu ziehen nehmen. Denn die derzeitige Lebenssituation auf unserem Planeten halte ich für dramatisch und ich bin eher pessimistisch, wenn ich an die Zukunft der jungen Leute denke.

Dennoch ist und bleibt Halloween für mich vollkommen überflüssig und ich plädiere dafür es genauso wie die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit abzuschaffen. Denn die nächste Gelegenheit sich zu verkleiden steht schon am 11.11. an. Da wird die Karnevalssaison eröffnet, was für mich als gebürtigem Kölner früher durchaus eine Bedeutung hatte. Heute bin ich auch da ruhiger geworden, aber wer es mag, soll kräftig abfeiern!
Dazu steht Sankt Martin an, wo es um Nächstenliebe und Fürsorge für andere Menschen geht. Man mag zu solchen christlichen Festen stehen wie man will. Ich jedenfalls finde es gut, wenn diejenigen, die mehr haben als sie wirklich brauchen mit denen, die zu wenig haben und sich nicht selbst helfen können, teilen. Gerade in der heutigen Zeit. Als Kinder sind wir in Köln nach dem Martinszug mit unseren selbstgebastelten Laternen (noch mit echten Kerzen drin!) in der Nachbarschaft singen gegangen und haben reichlich Süßigkeiten, aber auch Nüsse, Äpfel, Apfelsinen und Mandarinen bekommen. Auf die Idee zu randalieren oder sich wie die Vandalen aufzuführen ist damals niemand gekommen.

Ich wünsche Ihnen schon heute eine entspannte, warme und von Zuversicht geprägte Advents- und Weihnachtszeit. Horror haben wir in den Nachrichten genug. Noch mehr davon bei Halloween braucht kein Mensch.

Andreas Geist