Kolumne "Geistreich": Weihnachtsschlemmerei

Hier erzählt unser (Un-)Ruheständler Andreas Geist über seine Eindrücke aus dem Leben eines Rentners.

Weihnachtsschlemmerei

Ein Blick auf den Kalender zeigt: Höchste Zeit sich Gedanken um die Weihnachtseinkäufe und -vorbereitungen zu machen! Bei meiner Frau und mir geht das Gott sei Dank relativ stressfrei vonstatten. Große Geschenke machen wir uns schon seit vielen Jahren nicht mehr. Lieber fahren wir gemeinsam in Urlaub und geben da das gesparte Geld aus. Aber eine Kleinigkeit gibt’s natürlich dennoch am Heiligabend, ganz ohne wäre auch blöd. So entgehen wir dem ganzen Trubel zumindest teilweise.
Nicht nur Geschenke, auch alles andere rund um das Fest muss geplant und organisiert werden. Das kann leicht in Stress ausarten, was nicht gut ist im Rentenalter. Neben den Präsenten stehen Fragen im Raum wie: Wer kommt zu Besuch, wer wird besucht, welche Menüs gibt es an welchem Tag, Blau- oder Nordmanntanne, Weihnachtsgebäck kaufen oder selber machen usw.
Wer zum Beispiel beim Weihnachts- oder Adventskaffee keinen Christstollen aus der Fabrik auftischen will, hat bestimmt schon angefangen selbst zu backen. Denn, und das weiß ich von unserer Ehrenvorsitzenden Inge Falk, ein guter Dresdner Christstollen muss mindestens drei Wochen gut verpackt reifen! Und ohne Übertreibung: Inges Stollen waren immer absolute Spitzenklasse. Mindestens (!) so gut wie die meiner Mutter, die aus der Region stammte, wo der Stollen erfunden wurde.
Disziplin war gefragt, wenn so ein Teil im Haus war, damit der bis Weihnachten nicht gänzlich verputzt war. Obwohl ich relativ wenig Süßes esse gelang das nur, wenn nicht allzu oft Besuch zum Adventskaffee kam. Irgendwie haben Familie und Freunde immer gerochen, dass ich wieder einen Stollen von Inge bekommen hatte!

Ernährungsphysiologisch ist das letzte Quartal des Jahres eher ein Desaster für den Körper. Nur disziplinierte Menschen kommen eine Zeit lang an dem durchaus verführerischen Angebot an Spekulatius, Dominosteinen, Lebkuchen, Marzipan und Nougat vorbei, das seit Anfang Oktober in den Märkten liegt. Und natürlich auch an den vielen selbst gebackenen Zimtsternen, Vanillekipferln, Sand- und Spritzgebäckplätzchen von Freunden und Bekannten, die einem Gutes tun wollen. Ein bisschen probieren und naschen muss ich davon auch, obwohl man ja weiß, dass zu viel Zucker, Fett und Kohlenhydrate für den Stoffwechsel und das Blutbild nicht gerade förderlich sind.
Und dann das noch: Die Weihnachtsbäckerei ist nur ein Teil der exzessiven Kalorienzufuhr in Advents- und Weihnachtszeit. Es beginnt schon im Herbst mit deftigen Schmorgerichten und Eintöpfen, Grünkohl mit Mettwurst und Kassler oder Kohlrouladen oder…
Dann öffnen die Weihnachtsmärkte mit Spezereien und Glühwein und spätestens am Martinstag steht endlich eine ganze Gans auf dem Tisch! Herrlich kross und knusprig aus dem Ofen mit Rotkohl und Klößen. Was gibt es besseres? Da lasse ich jedes vegetarische Gericht für stehen, auch wenn weiß, dass es gesünder wäre.
Wir wissen ja, dass all die Leckereien in Maßen genossen ok sind. Aber mal ehrlich: Wer hat die Disziplin rechtzeitig aufzuhören, wenn die rosa gebratene Entenbrust mit einer fein-sämigen Orangensauce und einem kalten Riesling so wunderbar schmeckt? Ich nicht!
Da wir aber (hoffentlich) alle vernünftige Menschen sind und unsere kleinen kalorischen Sünden mit mehr Sport und ein wenig Verzicht im Neuen Jahr zu büßen gedenken, kommt alles schnell wieder ins Lot. Bis Ostern.
Viele unserer Leistungs- und inzwischen auch der ambitionierten Freizeitsportler sind uns „Normalos“ da übrigens weit voraus. Wo wir noch Plätzchen und Gebäck essen müssen um unseren „Backpulverspiegel“ nicht absinken zu lassen, hauen die sich das Backpulver ohne Fett, Zucker, Mehl und Eier gleich löffelweise rein (Link zu Instagram). Obwohl die leistungssteigernde Wirkung schon lange bekannt ist kommt der Hype ums Natriumhydrogencarbonat (=Natron=Backpulver) jetzt erst richtig in Fahrt, nicht nur bei den Radfahrern. Immerhin Natron steht nicht auf der Dopingliste. Vermutlich, weil es allgegenwärtig ist und jeder Test positiv ausfallen würde, wenn Mutter oder Oma gebacken haben.

Ich gestehe: Ich habe überlegt, ob ich meiner Leistungsfähigkeit auch ein bisschen mit Backpulver auf die lahmer gewordenen Beine helfen soll. Also in Form vieler Leckereien aus der Weihnachtsbäckerei. Genießen und gleichzeitig ausdauernder werden. Das wäre was!
Die Ernüchterung kam beim Nachrechnen. Die empfohlene Dosis zu Leistungssteigerung beträgt 0,3 Gramm pro Kilo Körpergewicht, ein bis drei Stunden vor dem Sport eingenommen. Ein Tütchen Backpulver wiegt 15 Gramm und reicht für ein Pfund Mehl. Ich müsste also fast zwei Tütchen Backpulver zu mir nehmen, um mich richtig zu „dopen“. Das wäre mit Mehl, Butter, Zucker, Eiern, Milch und Sahne und was das sonst noch so reinkommt ein „Weihnachtsteller“ voll Gebäck von bestimmt 1,5 bis 2 kg Gewicht. Erbrechen und Durchfall gibt’s als Zugabe.

Da bleibe ich doch lieber bei Inge's Dresdner Stollen. Der wird mit Hefe gemacht und es gibt genug Leute, die darauf aufpassen, dass ich davon nicht zu viel bekomme!

Liebe Leserinnen und Leser,

ich wünsche Ihnen, Ihren Angehörigen und Freunden ein genussreiches, friedliches und von großen und kleinen Katastrophen verschontes Weihnachtsfest und Jahr 2025!

Ihr

Andreas Geist