Lenatz vor der Para Triathlon WM: „Die WM ist eine große Überraschungstüte“

Benjamin Lenatz war Rollstuhlbasketballer, bis ihn seine Frau eines Tages zum Para Triathlon brachte – und in ihm der Wunsch reifte, im Schwimmen, Handbiken und Rennrollstuhlfahren bei den Paralympics zu starten. Bei der WM möchte er kräftig Punkte für die Tokio-Qualifikation sammeln.

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„Die Vorbereitung war nicht berauschend“, erzählt Benjamin Lenatz am Mittwochmittag, als er mit dem Auto auf dem Weg nach Lausanne in der Schweiz ist: „Ich bin Beifahrer, deshalb kann ich quatschen.“

Am Sonntag startet der 34-Jährige bei seiner dritten Para Triathlon-Weltmeisterschaft nach 2016 und 2018, einmal war er Siebter, einmal Neunter. „Jetzt ist wohl auch ein siebter oder achter Platz realistisch, aber die WM ist für mich eine große Überraschungstüte“, sagt Lenatz: „Wenn ich zum Rennen fit bin, ist es eine Punktlandung, dass ich genau zur WM wiederhergestellt bin.“

Im abschließenden Trainingslager in Kienbaum hatte er sich verletzt und vom Arzt anschließend 14 Tage Zwangspause verordnet bekommen. Sein Ziel Paralympics-Teilnahme 2020 in Tokio, auf das er seit Jahren hinarbeitet, hat dabei einen kleinen Dämpfer erhalten, auch wenn noch nichts passiert ist.

„Ich muss jetzt einfach so viele Punkte wie möglich holen und dafür ist die WM nicht unwichtig“, sagt Lenatz und aus seiner Stimme ist herauszuhören, wie bedeutsam die Weltmeisterschaft ist: „Ich bin im Tokio-Ranking aktuell Zehnter und die besten Neun dürfen bei den Paralympics starten.“

Seit Ende Juni können im einjährigen Qualifikationszeitraum Punkte gesammelt werden, die drei besten Rennen zählen am Ende in die Wertung. Während seine Konkurrenten alle schon bei mehreren Gelegenheiten Punkte sammeln konnten, unter anderem beim paralympischen Testevent in Tokio, war Lenatz nur im kanadischen Magog am Start und wurde mit knappem Rückstand Sechster. „Vierzig Sekunden von Platz drei bis sechs bedeuten, ich bin dran an den Jungs und werde weiter daran arbeiten, um das Konto für #Tokyo2020 mit Punkten zu füllen“, ließ er danach über Facebook wissen und fügte auf dem Weg nach Lausanne am Telefon hinzu: „An besseren Tagen hätte ich sie schon holen können. Jetzt haben wir die WM und zwei Wochen später die EM, dann wird man sehen, wohin die Reise geht. Noch ist das Ranking nicht repräsentativ.“

Dass er zu den Paralympics möchte, den Gedanken hatte Lenatz öfters, nachdem er 2003 einen Unfall hatte und seither querschnittgelähmt ist. „Ich bin nach dem Unfall schnell zum Sport gekommen, auch schnell zum Leistungssport. Da ist klar, dass man das größtmögliche Ziel für einen paralympischen Athleten erreichen will. Aber dass ich das im Para Triathlon schaffen könnte, daran habe ich nie gedacht“, sagt der Hückeswagener und lacht. Eigentlich war er Rollstuhlbasketballer und spielte in der 1. Bundesliga, holte mit den Mainhatten Skywheelers die deutsche Vize-Meisterschaft. Vor den Paralympics 2012 in London zählte er sogar zum erweiterten Kader der Nationalmannschaft und war beim ersten Selection Camp dabei, doch für ein großes Turnier im Deutschland-Dress reichte es außer bei den Junioren nicht.

Als seine damalige Freundin Frauke als begeisterte Hobby-Triathletin ihn 2013 mit nach Hamburg zum Triathlon nahm, probierte er es „just for fun“ aus – und weil das „nicht ganz unerfolgreich“ war, blieb er dabei. 2015 und 2016 sah er, dass er konkurrenzfähig ist und kaufte von seinem Bausparvertrag ein Handbike. Auch sein Team – Frauke, der er im Ziel bei den Deutschen Meisterschaften einen Heiratsantrag machte und die mittlerweile seine Frau ist, Triathlon-Trainer Oliver Jan Quittmann und Athletiktrainer Patrick Bartsch – signalisierten, dass sie dabei sind, das Ziel Paralympics anzugehen: „Ich bin zwar derjenige, der kurbelt und trainiert, aber ohne die, die mir den Rücken freihalten, geht nix.“

Selbst die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro, als die junge Sportart Premiere feierte, wären im Nachhinein möglicherweise machbar gewesen: „Als ich die Ergebnisliste gesehen habe, wusste ich nach der WM kurz zuvor, dass ich nicht so schlecht abgeschnitten hätte. Aber das war drei Jahre nach meinem ersten Para Triathlon, damals erschien das unrealistisch. Und jetzt für Tokio ist es schwieriger geworden, ein Plätzchen zu kriegen.“

2017 wurde er dann vor der Europameisterschaft krank, ein hartnäckiger Infekt stoppte ihn, dadurch fehlten auch die Punkte für die WM-Qualifikation. Als er wieder ins Wasser und auf die Strecke durfte, gelang ihm der erste Weltcupsieg im US-amerikanischen Sarrasota: „Da denke ich dann immer, jetzt habe ich mich richtig verbessert und einen großen Schritt gemacht, dann haben das alle andere auch.“ Para Triathlon befindet sich eben im Wachstum.

Im Schwimmen zählt er zum vorderen Drittel, im Handbiken kann er noch am meisten aufholen. Im Vergleich zu seinen Konkurrenten muss Lenatz aber noch arbeiten, 20 Stunden die Woche ist er bei der Stadt Bergisch Gladbach angestellt. Das Pensum konnte er nur dank der finanziellen Unterstützung von Sponsoren und der Sportstiftung NRW reduzieren. „Ich bin der einzige, der kein Profi ist. In dem Kontext ist es noch schwieriger, dranzubleiben. Neben den 20 Stunden Arbeit fahre ich 10-15 Stunden Auto, der Rest ist Training, Essen und Schlafen, alles andere muss hinten anstehen“, sagt Lenatz, dessen großes Plus seine Frau ist – auch im Rennen selbst.

In den Wechselzonen holt er dank ihrer Hilfe viel Zeit auf, wenn er aus dem Neoprenanzug aufs Handbike und später in den Rennrollstuhl muss. „Frauke ist bei allen Rennen dabei und opfert dafür ihren Jahresurlaub. Wir können da immer viel Zeit gutmachen. Natürlich hoffe ich, dass sie auch bei möglichen Paralympics dabei sein dürfte.“

 

Quelle: Nico Feisst