Offen, kreativ und experimentierfreudig - Lina Neumair und Melissa Dorfmann im WTTV-Interview über ihre Arbeit im Para Tischtennis

Der Westdeutscher Tischtennis-Verband hat den BRSNW Talenscout Lina Neumair und die Landestrainerin für Para Tischtennis, Melissa Dorfmann, über ihre Arbeit befragt.

© Andrea Bowinkelmann / LSB NRW

Nellen / BRSNW

Offen, kreativ und experimentierfreudig

Lina Neumair ist Sport- und Fitnesskauffrau und bundesweit die erste hauptamtliche Talent- Sichterin für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, Melissa Dorfmann Tischtennis- Landestrainerin. Gemeinsam kümmern sie sich beim Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen e.V. (BRSNW) um die Para-Tischtennis-Athletinnen und Athleten. Sandra Spieler sprach mit beiden unter anderem über ihre Arbeit, die Talentsichtung und die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zum Regelsportbetrieb.

Lina, du bist beim BRSNW im Bereich Leistungssport als Talentscout tätig. Was sind hier deine Aufgabengebiete?

Meine Aufgabengebiete als Talentscout sind sehr vielfältig. Ich betreibe Netzwerkarbeit, veranstalte Schnuppertage und Online- Seminare, die zur Aufklärungsarbeit dienen sollen. Ich besuche Vereine, Kliniken und Rehaeinrichtungen. Aber auch mit unseren Landestrainern*innen stehe ich im ständigen Austausch und unterstütze sie, wo ich nur kann.

Hier arbeitest du im Bereich Para Tischtennis eng mit eurer Landestrainerin Melissa Dorfmann zusammen. Melissa, du hast ja selbst als Jugendliche bei uns in den Stützpunkten trainiert und bist im Damenbereich weiter erfolgreich, u.a. Westdeutsche Meisterin im Doppel. Wie bist du zu deiner jetzigen Tätigkeit gekommen?

Durch meine eigenen Erfahrungen als Spielerin und Trainerin bestand schon immer ein großes Interesse daran, mein Hobby Tischtennis zum Beruf zu machen. 2017 wurde die Stelle als Landestrainerin Para Tischtennis ausgeschrieben. Diese Gelegenheit habe ich genutzt und mich sofort beworben. Ich habe so die Möglichkeit erhalten, meine Erfahrungen als Trainerin und Spielpartnerin, meine guten Kenntnisse im Bereich Para Tischtennis und mein gutes Netzwerk im Zentrum (Deutsche Tischtenniszentrum in Düsseldorf), einzubringen. Ich bin glücklich darüber, ein Teil vom BRSNW-Team zu sein. Lina, wie ist deine Verbindung zum Tischtennis/ Para Tischtennis? Erst durch meine Tätigkeit beim BRSNW habe ich die ersten Kontakte zum Para Tischtennis bekommen. Melissa war mir dabei eine große Hilfe, um mir die Sportart näher zu bringen. Sie war immer bemüht, mir möglichst viele Eindrücke zu verschaffen.

Welche Tipps habt Ihr für Vereine/Trainer, die in Ihren Trainingsgruppen Athleten mit Beeinträchtigungen haben?

Einfach machen!

Einfach machen! Die Vereine sollen offen für etwas Neues sein, kreativ und experimentierfreudig sein. Mehr wird nicht benötigt. Da Para-Tischtennis mit vielen Behinderungen gespielt werden kann, ist eine Aufnahme und ein Zusammenspiel mit jeder Gruppe möglich.

Welche Anlaufstellen gibt es hier für die Vereine, aber auch für die Athleten?

Jeder Zeit stehen Melissa und ich im Namen des BRSNW’s für Fragen zur Verfügung. Auch hier möchten wir ermutigen, bei Fragen sich jeder Zeit mit uns in Verbindung zu setzten.

Melissa, wenn du das „normale“ Vereinstraining mit dem Training im Para Tischtennis vergleichst, was sind die größten Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten gibt es?

Es gibt keine großen Unterschiede. Bei den Para-Athletinnen und -Athleten muss individueller gearbeitet werden, damit ist gemeint, dass nicht immer nach Lehrbuch trainiert werden kann. Trotzdem kann das Gleiche trainiert/ gespielt werden wie auch im Regelsport. Eventuell müssen kleinere Abläufe angepasst werden oder sie sehen in der Durchführung etwas anders aus. Wir möchten ermutigen, den Regelsport und den Para-Sport zu vereinen und über den Tellerrand hinauszuschauen.

Ich habe selbst schon bei vielen Trainingseinheiten Trainingspartner aus dem Para- Tischtennis gehabt und habe dies immer als große Bereicherung für unser Stützpunkttraining empfunden.

Wie seht ihr das? In welchen Bereichen können die Sportler voneinander besonders profitieren?

Fakt ist, wir können alle etwas voneinander lernen! Der Lernprozess kann vielfältig sein, beispielsweise können die Regelsportler/- innen ihre Taktik verbessern. Umgekehrt können die Para Athletinnen und Athleten längere Ballwechsel spielen und lernen, das offene Spiel (Topspin) besser zu spielen. In Zukunft würden wir als BRSNW gerne mehr mit dem WTTV zusammenarbeiten, um noch mehr Synergieeffekte zu erschaffen, damit Para-Tischtennis noch bekannter wird.

Benötigen Trainer im Para-Tischtennis eine gesonderte Ausbildung? Gibt es ein eigenes Lizenzsystem?

Eine der häufigsten Fragen die uns immer wieder gestellt werden. Nein, es wird keine gesonderte Ausbildung/Lizenz benötigt. Offen, experimentierfreudig, Kreativität und Spaß an kleineren Herausforderungen reichen aus!

Wie könnt ihr als Verband Eure Athletenunterstützen?

Wir unterstützen unsere Athleten*innen auf verschiedene Art und Weise. Das kanns ein, dass wir ihnen verschiedenen Trainingspartnerinnen und -partner bieten oder dass sie individuelle Trainingspläne für Zuhause bekommen. Regelmäßig veranstalten wir Lehrgänge und Trainingslager. Aber auch die medizinische Versorgung und der berufliche Werdegang werden von uns unterstützt. Para-Tischtennis ist in Deutschland ja sehr erfolgreich.

Es gibt immer wieder zahlreiche Medaillen bei den Paralympics und Weltmeisterschaften. Worauf führt ihr das zurück? Wie sind hier eure Förderstrukturen im Leistungssport und wie sichtet ihr die Talente?

Wir können auf ein gut funktionierendes System zurückgreifen. Ein großer Dank dient hier beispielsweise der Sportstiftung NRW, die sich ebenfalls für die Para-Athletinnen und -Athleten einsetzt. Selbstverständlich haben auch die Trainer*innen und die Physiotherapeuten einen großen Teil zu den Erfolgen beigetragen. Unsere Sichtung erfolgt zum einen über die Netzwerkarbeit aber auch durch die Schnuppertage.

Die Corona-Pandemie hat ja gerade auch die Para Sportler*innen hart getroffen. Gibt es Möglichkeiten im Hinblick auf die Paralympics im Sommer für die Spitzenathleten zu trainieren? Und wie sieht es mit den anderen Trainingsgruppen aus?

Der Bundeskader darf weiterhin trainieren. Unser Landeskader und unser Talentteam dürfen aktuell nicht in der Halle und an den Tischen trainieren. Aber wir sind trotzdem tätig und bieten Online-Training an. Ansonsten trainieren die Athleten*innen nach ihren Trainingsplänen für zuhause. Im Februar hatten wir für unsere Athletinnen und Athleten auch eine kleine Challenge im Angebot.

Lina, Melissa, vielen Dank für das Interview. Ich wünsche Euch und Euren Athleten*innen für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg bei Eurer Arbeit.

Das ganze Interview mit Fotos und Erklärungen zum Ligen- und Klassifizierungssystem lesen Sie hier als PDF